Der letzte Mohikaner

DSC_0123Nur wenige kennen Reinhard Wodrich unter seinem richtigen Namen. Freunde und Kollegen nennen ihn stets Unkas – nach einer indianischen Kämpfernatur aus den Lederstrumpfbüchern, der der langjährige Handballtrainer des Berliner Turnsport-Vereins 1911 in nichts nachsteht.


Unkas ist jetzt 79 Jahre alt. Erst vor zehn Jahren war er zum letzten Mal bei einem Handballspiel im Einsatz. Am Spielfeldrand ist er auch heute noch höchst aktiv: etwa beim „Dinosaurier-Training“, der Rückengymnastik für ältere Kaliber, oder beim jährlichen Männersingen am zweiten Weihnachtsfeiertag. „Da kommt dann immer ein bisschen Geld in die Kasse, damit man sein Team auch mal auf ein Eis einladen kann“, erzählt der Dienstälteste des Vereins auf seiner gemütlichen Terrasse. Im Wohnzimmer jubelt seine Frau währenddessen dem deutschen Leichtathletik-Team zu: Die Wodrichs sind Sportfans von ganzem Herzen.

Nach jahrelangen Indianerspielen in den Rehbergen, schickte ein Sportlehrer Unkas und seine Kumpels zum Handball – der Spitzname aus der Mohikaner-Zeit blieb dem damals Fünfzehnjährigen auch dort erhalten. Die Begeisterung für den Sport war sofort entfacht. Wodrich entdeckte aber bald, dass ihm besonders das „Dirigieren“ lag. Der junge Mann war einer der ersten in Berlin, die einen Trainerschein machten. Beim Berliner Turnsportverein 1911 e. V. trainierte er zahlreiche Jugend-, Männer- und Frauenteams. Ein dickes Vereinsalbum zeugt von den vielen Einsätzen und Erinnerungen: Zum Beispiel von den Trainings der Damenmannschaft auf der Schillerwiese, bei denen sie die Torpfosten selbst in die Erde rammen mussten und wo sie bei bis zu minus fünf Grad trainierten: „Mann, haben wir uns gefreut, wenn sie im Radio minus sechs Grad angesagt haben! Erst dann durften wir in die Halle“, erzählt Unkas lachend.

Eine dieser taffen Damen hat es dem Trainer besonders angetan: Er heiratete seine Torfrau, die ihm bis heute tatkräftig zur Seite steht – unter anderem als Kassenwartin des Vereins. Und man merkt gleich: Noch heute haben die beiden viel Spaß zusammen. Davon scheint es sowieso im ganzen Verein immer genug gegeben zu haben. Da gibt es Fotos von einem 30-stündigen Aufenthalt an der deutsch-deutschen Grenze, bei dem die Mannschaft mit Verkehrshütchen auf dem Kopf eine Kongaschlange tanzt. Egal ob Fasching, Urlaub oder Geburtstage: „Gefeiert haben wir schon immer viel“, sagt Unkas und lächelt verschmitzt. Damit schließt er auch die Jugend mit ein. „Wir haben immer das Glück gehabt, gute neue Trainer aus den eigenen Reihen für unsere Mannschaften zu gewinnen.“ Siege und Niederlagen, Tore und Triumphe: Wenn Wodrich in seinem Album blättert, entsteht das Gefühl, dass sein Verein eher wie eine große Familie ist. Und jede Großfamilie braucht schließlich ihren Dirigenten.

Text und Foto: Alexandra Resch

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