Menschen helfen Menschen

Das soziale Zentrum des Vereins in der Wollankstraße. Foto: MHM

Das soziale Zentrum des Vereins in der Wollankstraße. Foto: MHM

Der Sozialverein Menschen helfen Menschen in Berlin und Umgebung e.V. (MHM) aus dem Soldiner Kiez hilft Bedürftigen mit vielen Angeboten.Das Interview mit Vereinschef Horst Schmiele führte Lena Reich. Es wurde im Soldiner „Meine Sicht auf den Kiez“ veröffentlicht und erscheint nun auch online. Es ist der Auftakt der Kooperation der Bürgerredaktion mit dem Verein Menschen helfen Menschen in Berlin und Umgebung e.V. – der seit dieser Ausgabe in jedem gedruckten Heft zwei Seiten Platz bekommt. Über die Inhalte kann MHM selbst entscheiden.

Menschen helfen Menschen in Berlin und Umgebung e.V. hat seinen Sitz in der Wollankstraße im Soldiner Kiez. Der mildtätige Verein betreibt dort ein soziales Zentrum, eine Kleider- und Kleinmöbelkammer und gibt Lebensmittel an Bedürftige aus. Der Verein hat mehrere Außenstellen in Berlin und gibt in seinen Mappi-Stationen Schulmaterialien für Bedürftige aus. Lena Reich sprach mit Horst Schmiele über die Vereinsarbeit und die Zukunft ohne die kürzlich verstorbene Mitbegründerin und Seele des Vereins, Sabine Schmiele.

Deine Frau Sabine ist Ende April überraschend gestorben – sie war die Seele des Vereins „Menschen Helfen Menschen in Berlin und Umgebung e.V.“ (MHM). Wie wird sich die Zukunft ohne sie gestalten?
Horst Schmiele: Ich kann gar nicht sagen, wie sehr sie mir fehlt. Zu Hause und hier.

Horst Schmiele mit seiner Frau Sabine. Im Frühling ist sie nach kurzer, schwerer  Krankheit gestorben. Foto: D. Hensel

Horst Schmiele mit seiner Frau Sabine. Im Frühling ist sie nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Foto: D. Hensel

Sabine war die Hauptinitiatorin des Vereins, den wir 2004 gegründet haben. Nachdem sie einige ungute Erfahrungen bei der Berliner Tafel gesammelt hatte, kam die Idee auf, dass es noch mehr solcher Inititativen geben sollte. Sie war ehrenamtliche Geschäftsführerin und hat das Sponsoring perfekt beherrscht. Dabei hatte sie ihre ganz eigene Art. Den Hersteller der Spielautomaten, die hier so im Kiez herumstehen, hat sie zum Beispiel darauf hingewiesen, dass viele unserer Kunde ihr Geld in seinen Gerätschaften lassen. Daraufhin hat er gespendet – wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen. Aber auch, weil es eben Sabines sehr persönliche und direkte Art war, auf Missstände aufmerksam zu machen und Menschen an ihr Recht auf soziale Mitgestaltung zu erinnern – und an ihre Pflicht dazu. Jetzt liegt die Verantwortung für den Verein bei mir und unserem Sohn Andre.

MHM deckt den Alltag vieler Sozialhilfeempfänger im Wedding, denn Armut betrifft immer mehr Menschen. Essensausgabe, Kleiderkammer, Möbelladen, Schul-material. Ihr seid auch in anderen Bezirken unterwegs. Wie ist eure große MHM-Familie aufgebaut?
Horst Schmiele: Wir sind über ganz Berlin verteilt: auf unsere zwei festen Standorte in Hohenschönhausen und im Wedding, auf die Ausgabestellen in Reinickendorf-Ost und in Marzahn-Hellersdorf. Bis auf Andre sind alle unsere Mitarbeiter ehrenamtlich tätig, zum Teil in Kooperationen mit Bildungs- und Leistungsträgern. Du sagst zu Recht Familie – allein durch dieses Miteinander gelingt es uns, monatlich etwa 2000 Familien und Senioren zu unterstützen. Viele unserer Kunden (so nenne ich sie, weil ich den Menschen mit Respekt begegnen möchte) nehmen die Hilfe an und unterstützen uns wiederum freiwillig, weil ihnen die Sache am Herzen liegt.

Wie gestaltet sich das soziale Miteinander?

Bei der Lebensmittelausgabe von MHN. Foto: Benjamin Renter

Bei der Lebensmittelausgabe von MHN. Foto: Benjamin Renter

Horst Schmiele: MHM ist ja nicht nur eine Spendenausgabe, sondern eine Begegnungsstätte. Zur Lebensmittelausgabe am Montag und Dienstag kommen die meisten viel früher und dann wird gequatscht und gequatscht. Wir wollen mit unseren Angeboten die Menschen aus ihrer Einsamkeit herausholen, sie wieder zusammenbringen. Hier können sie Kaffee trinken, sich austauschen, Möbel und Kleider shoppen und langsam wächst dann wieder das Selbstbewusstsein und die Erkenntnis: Ich habe das Recht, raus zu gehen und Teil der Öffentlichkeit zu sein.

Die Armut im Kiez betrifft viele alte Menschen …
Horst Schmiele: Altersarmut ist ein großes Thema, das uns noch lange begleiten wird. Es gibt sehr viele bedüftige Renter, die eine so große Scham haben, über ihre Armut zu reden und sich bei uns zu zeigen. Aber es geht gerade um diese Teilhabe. Winters richten wir speziell Weihnachstfeiern für Senioren aus. Bei uns bekommen sie das Gefühl, dass sie nicht unnütz sind.

Die Sommerferien gehen alsbald zu Ende und die ABC-Schützen werden eingeschult. Auch hier seid ihr gefragt …
Horst Schmiele: Es ist gruselig, wie stark das Zwei-Klassen-Bildungssystem in Berlin dominiert. Wer sich keine Materialien leisten kann, der ist draußen. 6000 Schülerinnen und Schüler sind allein bei uns für die „Mappi-Station“ gelistet: Nach Vorlage des ALG 2- oder Sozialhilfebescheids zum Beispiel erhalten Schülerinnen und Schüler bis zur 10. Klasse eine persönliche Scheckkarte mit Namen, Lichtbild und Codierstreifen. Mit dieser Karte können sie sich alle drei Monate die Schulutensilien abholen, die sie benötigen: Stifte, Hefter, Patronen. Für die Schulanfänger haben wir die Aktion „Ranzen, Tüte, Los – Hilfe für ABC-Schützen in Not“. Mit der Schulbescheinigung und einem speziellen Nachweis können Eltern ihre Kinder für eine Schulmappe zur Einschulung anmelden. Die Zahl der Bedürftigen liegt weit oben, doch etwa 400 Kinder versorgen wir so jedes Jahr – ohne Herlitz, die jetzige Pelikan Group, hätten wir das niemals wuppen können!

Die Städte werden voller, der Wohnraum knapper, die Moral der Vermieter wandelt sich – die Verdrängung ist auch im Soldiner Kiez angekommen. Wie geht ihr damit um?
Horst Schmiele: Die Gentrifizierung nehmen wir nur im Wedding war, in den anderen Kiezen, in denen wir arbeiten, hört man nahezu keine Beschwerden. In Hohenschönhausen sind die Mietkosten sogar noch erträglich. Daher bieten wir nur in der Wollankstraße eine Rechtsberatung an, und zwar mittwochs von 14 bis 16 Uhr durch einen ehrenamtlichen Rechtsanwalt. Jeder, der Fragen zu seinen Rechten als Mieter hat, ist herzlich willkommen! Im Übrigen zählt dazu auch das Recht, dass eine Hausverwaltung regelmäßig anzutreffen sein muss.

Wie finanziert sich „Menschen Helfen Menschen“?
Horst Schmiele: Ausschließlich über Spenden. Möbel und Kleidung werden privat gespendet, unsere Lebensmittelsponsoren sind auch Privatleute oder größere Unternehmen wie Lidl, Kaufland, aber auch HOWOGE oder Lionsclub Berlin Meilenwerk.

Wie kann man euch unterstützen?
Horst Schmiele: Ich sag es mal in großer Klarheit: Wir benötigen zuverlässige Sponsoren, die uns auch längerfristig unterstützen. Die Bedürftigkeit wird sich in den nächsten Jahren nicht verändern und ich möchte das, was Sabine und ich aufgebaut haben, auch weiterhin halten können. Außerdem ist nach Kurt Krömers Ausscheiden immer noch die Stelle des Schirmherren vakant!

Angebote von MHM in der Wollankstraße
• Montag und Dienstag: Essensausgabe
• Mittwoch: Rechtsberatung
Weitere Essensausgabe-Orte:
• Franz-Naumann-Platz, Reinickendorf-Ost
• Obdachlosenheim Pro Social, Marzahn-Hellersdorf
• Grevesmühlener Straße, Hohenschönhausen

Kontakt
Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V.
Wollankstraße 58-60, 13359 Berlin
Telefon: (030) 35 12 39 10 Fax: (030) 62 20 34 32 E-Mail: buero@mhm-berlin.de
Internet: http://www.mhm-berlin.de

Spendenkonto: Berliner Sparkasse, IBAN:
DE44 1005 0000 6603 0013 04 BIC: BELADEBEXXX

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Kiezprojekte, Kooperative, Menschen im Kiez abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s