Fenster wieder zu

Die Lampe fehlt komplett. Rechts: Halteverbot seit März. Wurde das Schild vergessen? Foto:  Eberhard Elfert

Die Lampe fehlt komplett. Foto: Eberhard Elfert

Ein Anwohner ärgert sich über Veränderungen im Kiez. Der Meinungsbeitrag von Eberhard Elfert ist im gedruckten Soldiner, Ausgabe Oktober 2016, erschienen.

Vor sechs Jahren zog ich den Soldiner Kiez. Damals rangierte das Gebiet doch auf einer der untersten Plätze in der Berliner Sozialstatistik. Was mich hierherzog, das waren die vielen spannenden historischen Gebäude, die bewegte Geschichte, vor allem aber das lebendige Miteinander der Menschen. Bei Problemen ging man aufeinander zu, alles konnte irgendwie gelöst werden, man verstand sich einfach, auch ohne die Sprache des Anderen zu sprechen. Vor einiger Zeit ist es lauter geworden im Kiez, es lag plötzlich viel Müll herum, ich fühlte mich auf der Straße nicht mehr wohl. Ich zog die Vorhänge zu und öffnete auch die Fenster nicht mehr. Von nun an fuhr ich, so oft ich konnte, in andere Bezirke der Stadt.

Halteverbot seit März. Wurde das Schild vergessen? Foto: Eberhard Elfert

Halteverbot seit März. Wurde das Schild vergessen? Foto: Eberhard Elfert

In diesem Sommer entschied ich mich, die Vorhänge und die Fenster wieder zu öffnen, herauszuschauen. Vor allem lief ich wieder neugierig durch die Straßen. Ich sah, wie Menschen auf der Straße leben, Männergruppen herumstanden, es wurde zum Teil laut gestritten, der Alltagsmüll sammelte sich wie plötzlich hingezaubert in den Baumscheiben. Ich sah zu, wie Fahrzeuge auf dem Gehweg repariert, getestet und verkauft wurden. Ich schaute dem Handel mit offiziellen Dokumenten zu. Ich stellte fest, dass sieben Straßenlaternen nicht einmal mehr eine Lampe besaßen, sondern nur aus dem Mast bestanden. Wenige Häuser weiter stand ein Auto ohne Nummernschild bereits sechs Monate, obwohl es mit einem Aufkleber durch die Polizei zum Abtransport gekennzeichnet war. Ein Halteverbotsschild in der Straße wies auf eine Baustelle hin, die seit einem Jahr nicht mehr existierte. Unter einem defekten Mülleimer stapelten Passanten fein säuberlich ihren Abfall.

Ich stellte fest, dass Bürgersteige mit Fahrzeugen zugestellt waren. Bei Hinweisen, dass diese etwas ungünstig stehen, schlugen mir zum Teil beleidigende Gesten entgegen. In dem Geschäft, das ich als Kieztreffpunkt sehe, werde ich bedroht, als ich einer Verkäuferin bei einem Ladendiebstahl zur Seite stehe. Erwachsene hatten Kinder offenbar zu der Straftat gedrängt. Mein Kiez hatte sich verändert. Das Miteinander, dass gemeinsam Lösen von Problemen war verflogen. Dafür spürte ich so etwas wie Angst, eine aggressive Grundhaltung, vor allem gab es nun erheblich weniger Toleranz.

Ich schrieb viele Briefe an Menschen, die ich für wichtig und kompetent halte. Plötzlich leuchte mir das Orange eines neuen Mülleimers entgegen, das Auto ohne Kennzeichen war weg, mir wurde mitgeteilt, dass Poller gegen Falschparker auf dem Bürgersteig aufgestellt werden. Demnächst soll es sogar eine funktionstüchtige Straßenbeleuchtung geben.

Mir wurde aber auch gesagt, dass die veränderte Atmosphäre an jenen vor einigen Jahren in meinem Kiez gekommenen Menschen liegen könne, die überwiegend auf der Straße leben. Diese hätten kulturell bedingt über Jahrhunderte nun einmal eine völlig andere Lebensart. Die Politik möchte, dass diese Menschen sich auch weiter hier aufhalten und vor allem möchte man verhindern, dass sie weiterreisen. Von da her gäbe es auch ein Angebot für diese Menschen. Bei Problemen wär es wohl sehr, sehr ungünstig, wenn ich wie früher selber mit den Menschen sprechen würde. Ich solle doch bitte, um mich selber nicht zu gefährden, immer sofort und unerkannt die Polizei verständigen

Ich verschließe meine Fenster, ziehe die Vorhänge wieder zu und verlasse, so oft ich kann, meinen Kiez.

Text und Fotos: Eberhard Elfert

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