Für ein Miteinander

Jonny Herzberg

Jonny Herzberg

Mit dem vom Quartiersmanagement geförderten Projekt „Entwicklung von Angeboten für Kinder und Jugendliche im öffentlichen Raum“ wird sich Kulturvermittler Jonny Herzberg, 39, ab sofort an Sinti und Roma im Soldiner Kiez richten. Herzberg und Team wollen sich exklusiv für eine Wieder-Eingliederung der Roma-Gruppe in der Nachbarschaft rund um die Stephanus-Kirche einsetzen. Lena Reich sprach mit Jonny Herzberg über das Projekt. Der Text aus dem gedruckten Soldiner, Ausgabe Oktober 2016 – jetzt auch online.

Mit einem speziellen Projekt wenden Sie sich fortan an die Roma-Gruppe, die sich rund um die Stephanus-Kirche aufhält. Sie sind Sozialarbeiter?
Jonny Herzberg: Ich bin Kultur- und Sprachmittler – so nennt man das heutzutage. Als polnischer Roma spreche ich einige Dialekte des Romanes, der Sprache der Roma, und kann mich daher sehr gut mit der Roma-Gruppe, die vor allem aus Rumänien stammt, unterhalten. Unser gemeinnütziger Verein Mingru Jipren e.V. ist spezialisiert auf die Kultur der Sinti und Roma.

Wie genau gestaltet sich Ihr Angebot?
Jonny Herzberg: Wir bemühen uns um ein nachbarschaftliches Miteinander, das in den letzten Jahren vernachlässigt wurde. Drei Mitarbeiter und ein Praktikant sind dreimal die Woche von 15 bis 19 Uhr im Gemeindegarten der Stephanus-Kirche. Wir stellen Tische und Bänke auf und versuchen, auf spielerische Weise mit der Roma-Gruppe, aber auch mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Mit den Kindern gründen wir eine Musik- und Tanzgruppe. Für die Kleinsten machen wir spezielle Angebote, sodass sie lernen, zusammen zu spielen.

Viele haben den Eindruck, die Gruppe der Roma nur schwer zu erreichen …
Jonny Herzberg: Wir kümmern uns um die Kinder. Dabei wollen wir aber auch die Eltern mit ins Boot holen – und sie auf ihre Umgebung aufmerksam machen. Die Familien nutzen die Gegend um die Kirche als Treffpunkt, weil ihre Wohnungen zu klein sind und es daher üblich ist, sich an einen öffentlichen Platz zu treffen. Die meisten der Schulkinder haben keinen Anspruch auf Hortbetreuung und sind schlecht an die umliegenden Bildungsangebote gebunden. Sie spielen auf dem sehr breitem Gehweg, der nicht mehr als viel Platz zu bieten hat. Ich kann nicht behaupten, dass sich die Mütter und Väter wenig um die Kinder kümmern. Ich weiß aber, dass Kinder Quatsch machen, sobald die Eltern aus dem Augenkontakt sind – und dass das die Nachbarn mit strengem Blick verfolgen.

Die Tür zum Gemeindegarten steht ja nun offen. Hat es schon Reaktionen auf Ihre Anwesenheit gebeben?
Jonny Herzberg: Einige Menschen kamen vorbei und schienen froh, dass endlich jemand die Sache professionell angeht. Leider gab es aber auch negative Reaktionen. Ein verärgerter Nachbar sprach davon, dass die Gruppe „weg“ sollte, weil sie zu viel Lärm und Müll mache. Mit solchen Reaktionen habe ich gerechnet.

Gibt es eine kluge Alternative zu diesem Ort?
Jonny Herzberg: Es wäre großartig, wenn man im Kiez einen festen Raum findet, in dem die Gruppe sich treffen könnte und für den sie dann auch verantwortlich ist. Einen Raum, gerne von der Stadt finanziert, in dem sie kochen, spielen und lernen könnten – die Kinder ebenso wie die Erwachsenen. Sie haben ja zum großen Teil ihren Wohnsitz im Soldiner Kiez und wie alle anderen Menschen auch ein Recht, sich hier aufzuhalten.

Was können die Nachbarn machen?
Jonny Herzberg: Sie können erst einmal vorbeikommen, mit offenem Blick und nicht zu viel Ärger im Bauch. Wenn es Konflikte gibt, werden wir vermitteln und eine Lösung finden. Das ist auch im Interesse der Roma. Besonders die Lautstärke- und Müll-Thematik zieht ja viel Aufmerksamkeit auf sich. Das gilt aber für den gesamten Kiez: Es geht darum, dass wir alle wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Die Nachbarn sind herzlich eingeladen, sich dazuzusetzen und mitzumachen. Außerdem bin ich ja auch Musiker – und wie lässt sich ein Miteinander besser herstellen als über ein Fest mit schöner Musik?

Text und Foto: Lena Reich

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