Ausstellung „Weddinger Freiheiten“

Auf den Stellwänden geht es um die Geschichte im Wedding und um soziales Engagement.

Auf den Stellwänden geht es um die Geschichte im Wedding und um soziales Engagement.

Ja, das waren noch Zeiten! Als ein paar lautstarke Außenseiter verkündeten, die Stephanuskirche sei jetzt besetzt. Wobei sie mit Besetzung meinten, das Kirchenhaus gehöre jetzt ihnen und nicht mehr der amtlichen Kirche. Aus heutiger Sicht ist das unvorstellbar. Und noch viel erstaunlicher wirkt heute, dass damals nicht als erstes nach dem Sicherheitsdienst gerufen wurde. Nachzulesen ist diese Episode der Kirchenbesetzung auf einer von zwölf Stellwänden der Wanderausstellung „Weddinger Freiheiten“, die derzeit in der Badstraße 50 zu sehen ist.

Die Ausstellung zeigt zahlreiche Fotos und Dokumente zur Geschichte des Weddings vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Dabei rahmt die große, umfassende deutsche Geschichte die kleine Kiezgeschichte ein. Und sie zoomt noch weiter hinein bis auf die Ebene von Personen. So werden einzelne Pfarrer der Kirchen im ehemaligen Arbeiterbezirk vorgestellt. Die zentrale Frage ist dabei stets: Wie haben diese in den großen Strömungen ihrer Zeit mögliche Freiräume für soziales Engagement genutzt?

Auch der Soldiner Kiez kommt in der Ausstellung vor. Zum einen bei der oben erwähnten Besetzung der Stephanuskirche. Pfarrer Ahrnke blieb dabei damals cool. Offenbar fand er, dass die sozial engagierten jungen Menschen, die seine Kirche symbolisch besetzten, mit ihrem Anliegen recht hatten. Außerdem wird der Glaskasten in der Prinzenallee erwähnt. Während der Nazizeit wurden hier – in einem ehemaligen Arbeiterlokal – Regimegegner misshandelt. Zur Ausstellung gehört auch ein Film von Lena Reich. Die Journalistin, die im Soldiner Kiez wohnt und auch regelmäßige Autorin des Kiezmagazins Soldiner ist, fragte mehrere Nachbarn, was sie heute unter Freiheit verstehen. Gleich zu Beginn des Videos ist zum Beispiel Kulturmanager Stefan Höppe zu hören, der im Kiez viele Musikveranstaltungen mitorganisiert hat.

Die zwölf Stellwände plus vier Zusatzwände werden im nächsten Jahr auch in die Stephanuskirche wandern. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Derzeit ist die Ausstellung bis zum 31. Oktober in der St. Paul-Kirche in der Badstraße 50 zu sehen, Geöffnet ist sonntags von 11 bis 13 Uhr und mittwochs von 15 bis 18 Uhr. Es gibt auch ein Begleitprogramm. Erstellt hat die Ausstellung die evangelische Landeskirche.

Text und Foto: Andrei Schnell

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