Ich bin Soldiner! (15)

Rechts: Das Feld. Links: Das Containerdorf, in dem die Geflüchteten jetzt leben.

Wer sind die Menschen, die im Soldiner Kiez wohnen? Leben sie gern hier und warum sind sie gerade in diesem Teil der Stadt? In dieser Serie geht es um solche Fragen, Nachbarn werden vorgestellt. Die Porträts unter dem Motto „Ich bin Soldiner!“ erscheinen im Kiezmagazin . Bei diesem Teil der Serie kommen zwei Geflüchtete zu Wort, die bis vor Kurzem in der Unterkunft in der Gotenburger Straße gelebt haben.

Sohn (5 Jahre)*: Vor zwei Jahren bin ich mit meinen Eltern und meiner Schwester nach Berlin gekommen. Wir haben in Heimen gelebt, in denen deutsche Menschen mit Kerzen vor den Türen standen. Dann sind wir in das Heim in die Gotenburger Straße gezogen. Hier sind nette Nachbarn und Spielplätze. Gegenüber ist eine Schule. In die möchte ich im nächsten Jahr gehen, wie meine Freunde aus dem Heim und dem Kindergarten. Aber mein Vater sagt, dass das nicht mehr geht.

Vor vier Wochen mussten wir ausziehen. Wir leben jetzt in einem Containerdorf in Pankow. Überall ist Feld. Jeden Morgen stehe ich um 5 Uhr auf, nehme den Bus und fahre in meine Kita im Wedding. Am Abend kommen wir spät zurück. Meine kleine Schwester schläft dann meist auf dem Arm meiner Mutter. Die Menschen im Bus sind nicht sehr nett. Sie machen für Kinder keinen Platz und gucken komisch. Dann spricht meine Mutter Deutsch. Der Container, in dem wir leben, ist nicht sehr schön. Wir haben zwei Zimmer. Das schöne ist, dass wir jetzt eine eigene Toilette und einen Fernseher haben. Ich höre den Regen und die Nachbarn. Letztens ist nachts ein Mann in unser Haus gekommen. Er war betrunken. Die Polizei hat nichts gemacht. Wir kennen ihn von früher. Jetzt haben wir Angst. Wir schlafen alle zusammen in einem Zimmer. Um das Lager herum ist ein Zaun, damit die wilden Tiere nicht reinkommen.

Einmal standen da Mädchen und haben Steine geschmissen. Eine hat gesagt, dass ihr Vater keine Flüchtlinge mag. Er ist dann gekommen und hat gesagt, dass er darüber nachdenkt, die Container anzuzünden und wir besser dahingehen sollen, wo wir herkommen. An Syrien kann ich mich nicht erinnern. Ich will zurück in mein Zuhause in die Gotenburger Straße.

Vater*: Der 40-jährige Mann sitzt erschöpft vor einer Mappe mit rund 30 Bewerbungen und einem Drucker, den er sich für knapp hundert Euro geholt hat. Er sucht eine Wohnung. In Wedding, Staaken, Hohenschönhausen, Rudow. Er weiß, dass die Konkurrenz groß ist, Wohnungen in Berlin rar und teurer sind. Er würde auch in eine andere Stadt ziehen, aber er sei verpflichtet, die nächsten drei Jahre in Berlin zu bleiben. Bisher blieb er erfolglos. Seit er im Container lebt, bekommt er schlecht Luft. Allergie, sagt er, immer wenn er Stress habe. Der Arzt meinte, er brauche einen heißen Tee. Er, so sagt der Mann, brauche eine Wohnung.

„Sehr geehrte Damen und Herren“, steht da auf dem ausgedruckten Papier, das vor ihm liegt. „Da ich mich bei Ihnen auf ein Wohnungsangebot bewerbe, möchte ich mich und meine Familie kurz vorstellen. Meine Frau und ich haben zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren. Wir kommen ursprünglich aus Syrien. Dort habe ich als Bauingenieur gearbeitet und meine Frau als Erzieherin. Seit Dezember 2015 leben wir Berlin. Zurzeit besuchen wir einen Integrationskurs. Meine Frau hat einen Minijob im sozialen Bereich und plant nach erfolgreichem Abschluss des Integrationskurses in Berlin als Erzieherin zu arbeiten. Wir sprechen gut Deutsch und Englisch. Zurzeit beziehen wir Leistungen vom Jobcenter, da wir zunächst den Integrationskurs abschließen müssen Das Jobcenter übernimmt für uns eine Bruttowarmmiete in Höhe von maximal 830 Euro sowie eine Mietkaution in Höhe von drei Nettokaltmieten. Wir besitzen einen WBS mit Dringlichkeit, eine positive Schufa- und eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung. Tapezier- und Malerarbeiten wie auch kleinere handwerkliche Arbeiten stellen für uns kein Problem dar. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Bewerbung berücksichtigen und über eine Rückmeldung zu einem Besichtigungstermin!“

* Wir berücksichtigen die schwierige Lebensituation der beiden Befragten und verzichten bei diesem Teil der Serie ganz bewusst sowohl auf die Nennung des Namens als auch auf die Veröffentlichung der Porträtfotos.

Interviews und Foto: Lena Reich
Erschienen im Soldiner, Ausgabe Dezember 2017

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