Nachbarn zur Seite stehen

Maren Wegener

Wie eine Charlottenburgerin im Soldiner Kiez Nähe und Verbundenheit fand. Der Text aus dem gedruckten Soldiner – jetzt auch online.

Ich bin aus Berlin, im Alter von siebzehn zog ich von Charlottenburg in den Wedding. Bis zu dieser Zeit habe ich mich niemals wirklich mit meiner Umgebung und meinen Mitmenschen verbunden oder vernetzt gefühlt, ganz im Gegenteil. Das war auch mein Alltag: In Berlin grüßt man seine Nachbarn nicht einmal, wenn man ihnen im Treppenhaus begegnet. Man hebt nicht selbstverständlich auf, was jemand anderes verliert. Man hält nicht an, um fragenden Touristen den Weg oder das BVG-Ticket zu erklären. So war es für mich in einer anonymen Stadt wie Berlin normal und gehörte zum Stadtbild wie das Brandenburger Tor. Ein Zugehörigkeitsgefühl hatte ich nie.

Als ehrenamtliche Freiwillige für das Netzwerk Wedding.hilft bin ich an den Verein Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V. (MHM) geraten. Die Sitzungen von Wedding.hilft hatten häufiger beim Verein in der Wollankstraße stattgefunden und so lernte ich meinen jetzigen Chef Horst Schmiele kennen. Was als kurzes Praktikum begann, entwickelte sich schnell weiter zu einem Aushilfsjob und führte letztlich zu meiner Anstellung als Bürokraft und Sponsoring-Beauftragte für den Verein. Sehr schnell fühlte ich mich nicht nur beruflich, sondern auch emotional verbunden mit dem kleinen Verein im Soldiner Kiez. Die Arbeit hier ist zuweilen vielleicht etwas unkoordiniert, es ist immer sehr wuselig und der Verein leidet ständig unter mangelnder Finanzierung. Aber MHM lebt und funktioniert vor allem durch eins: Vernetzung.

Was der Begriff „Kiez“ bedeuten kann, habe ich erst hier im Soldiner Kiez gelernt. Für jedes Projekt schreibe ich alle Vereinskontakte und Kooperationspartner an. Für das Sommerfest im August war ich bei denselben Partnern Plakate verteilen und fand mich wieder in einem großen Netzwerk aus Organisationen, kleinen Lädchen, Bildungseinrichtungen, Seniorenheimen, Cafés und Einsatzstellen – keine mehr als zwei Straßenecken voneinander entfernt. Diese Institutionen wissen voneinander und tauschen Informationen, Flyer und bei Bedarf auch Lebensmittel oder Spielzeug aus. Kleine Kunstprojekte entstehen aus dieser Zusammenarbeit im Kiez, Spenden werden gesammelt – füreinander und vor allem für den guten Zweck!

Ein derartiges Gefühl von Nähe habe ich zuvor noch nirgendwo in Berlin erlebt. Und das mit Sicherheit nicht, weil es sie nirgendwo anders gibt! Mir ist bewusst geworden, dass Berlin voll ist von Nähe und Verbundenheit: Man muss nur genauer hinsehen. Der Verein Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V. hat mir geholfen, zu erkennen: In jeder Krise gibt es jemanden, der uns zur Seite steht. Wenn wir bei MHM etwas zu geben haben, denken wir auch immer an die Menschen zwei Straßenecken weiter. Was hier entstanden ist, ist ein soziales Bewusstsein voller Nähe in einer Stadt voll Anonymität. Das ist es, was ein Kiez für mich ausmacht.

Text: Maren Wegener (Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V.)
Erschienen im Soldiner, Ausgabe Dezember 2017

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kooperative, Meine Meinung abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s