Echter Kram und echte Schätze

Pflanzentausch vor dem Café La Tortuga.

Geben und Nehmen: Seit zwei Jahren wird im Rahmen eines Projektes im Kiez getauscht. Der Text aus dem gedruckten Soldiner – jetzt auch online.

Seit September 2015 habe ich den schönen Projektauftrag, im Soldiner Kiez einen Tauschring zu gründen. Ich habe mir zuerst andere Tauschringe in Berlin angesehen, habe zwischenzeitlich das vierteljährliche Berliner Tauschringtreffen moderiert und ich lernte eine vielfältige Szene kennen, die jeweils nachbarschaftlich organisiert ist. So etwas wollte der Quartiersrat des Soldiner Kiezes auch gerne beauftragen, das machte auch Sinn. Ich suchte seit Projektbeginn vielerorts nach Mitwirkenden, ermittelte die Dienstleistungen, die im Kiez gefragt sind. Ich konnte tatsächlich verschiedene Deals vermitteln. Aber wie verrechnet man eine Bohrmaschine im Tausch gegen ein Abendessen in Zeiteinheiten für einen Tauschring und hält so das Geben und Nehmen in der Balance? Und wie ist das, wenn die Beteiligten sich freuen, dass ihr Deal geklappt hat, sie aber gar kein Interesse haben, dafür zukünftig verbindliches Mitglied in einem Tauschring zu werden? Die Idee eines Tauschrings mit den üblichen Regeln funktionierte im Soldiner Kiez nicht.

Ich habe von Anfang an auch vierteljährliche Tauschpartys geplant und das hat funktioniert! Aufräumen und Entrümpeln, das macht fast jede oder jeder irgendwann einmal. Alle haben Kram, den sie gerne sinnvoll loswerden möchten. Es soll jedoch keine Materialschlacht werden und es soll auch kein Warenlager entstehen. Die Tauschpartys sollen Spaß machen und nachbarschaftliche Kommunikation fördern – und so ist es geworden. Es zeigt sich regelmäßig eine vielseitige Wundertüte an Material. Es sind echter Kram und echte Schätze, die die Kiezbewohner nicht mehr haben wollen. Wir haben gemeinsam großen Spaß, sie zu sichten, die Verwendbarkeit zu diskutieren und durchaus auch Wert-
objekte großzügig zu verschenken. Ein freundliches „Danke“ reicht, gegebenenfalls in Verbindung mit dem Hinweis „Sie können ja nächstes Mal selber etwas mitbringen.“

Verschiedene Materialien haben das Team in besonderem Maße überrascht oder auch beschäftigt. Zur ersten vorweihnachtlichen Tauschparty wurde eine verblüffende Menge an Küchengeräten geliefert, ebenso zahlreiche, durchaus intakte Handtaschen verschiedener Art. Für die erste Pflanzentauschparty wurden rund 80 Blumenübertöpfe aus dem Sauerland mitgebracht, für die anschließende Handarbeiten-Tauschparty sorgten zwei Koffer voll mit hochwertigem Patchworkmaterial für Begeisterung, später waren es kostenlose Eintrittskarten zum Kreativfestival MakerFair. Wer hätte gedacht, dass Unmengen von aufziehbaren Weihnachtsmänner im März dankbare Abnehmer finden? Ein Großposten schöner Perlen aus Moabit führte schließlich zu zahllosen schönen Bastelarbeiten. Sie wurden zu Hals- und Armbändern, zu Schlüsselanhängern und mehr. Manch einer wollte nur Sachen loswerden und hat sich dann vor Ort doch in eine schöne Suppenterrine verliebt. Verschiedene Objekte verbinden uns jetzt miteinander: Mein Gasanzünder ist von Kerstin K., jemand anderem sage ich: „Ich rede von dem Uwe, der jetzt Deinen Schraubstock hat“.

Es macht Spaß, Besucher am Tauschtisch zu beraten. Kinder wollen zunächst einmal alles haben und können am Ende nur sehr schwer entscheiden, was sie wirklich wollen. Manch ein Kind durfte auch Kitsch mitnehmen, für den Mama oder Papa niemals Geld ausgegeben hätten. Im Zweifel kann man den Kram ja später wieder zur nächsten Tauschparty mitbringen. Das ist ok, das soll so sein. Manche Leute entrümpeln ihren Keller, manche Leute rufen vor Ort Dritte an: „Du hier ist…, soll ich das für Dich mitnehmen?“ Manche Leute fragen wir vorsichtig, ob sie das wirklich alles brauchen, was sie da einpacken. Zurückhaltende ermutigen wir ausdrücklich, mitzunehmen, was sie gebrauchen können. Die Leute, die zum Tauschen kommen, sind verschieden. Aus Veranstaltersicht ist es entscheidend, dass da nachbarschaftlich-kommunikativ etwas in Bewegung kommt. Nicht wegen der zu tauschenden Sachen, sondern ganz beiläufig werden eine Menge Geschichten erzählt, wo dies und jenes herkommt und wofür es in Zukunft gebraucht wird.

Ich möchte mich für sehr wertvolle Mitarbeit ganz herzlich bedanken bei Jeanine Fornacon, Fred Gebert, Dagmar Rehse und Serena Trommer. Wir haben zusammen viel Spaß gehabt mit all den Schätzen und dem Kram und den vielen Leuten. Es war immer eine ganz tolle Teamarbeit!

Das Tauschring-Projekt hatte noch andere erfolgreiche Bausteine. Sie können unter http://www.soldiner-kiez-tausch.de gefunden werden und es gibt jederzeit aktuelle Informationen über Veranstaltungen und andere Aktivitäten, beispielweise die „Liste Leihen im Kiez“. Dort steht dann auch, wie es in Zukunft weiter geht. Der Quartiersrat hat sich bereits für eine Weiterführung des Projekts ausgesprochen. (inzwischen steht fest, dass der Projekt auch weiterhin gefördert wird – Anmerkung der Redaktion)

Text: Brigitte Lüdecke
Erschienen im Soldiner, Ausgabe Dezember 2017

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